Veränderung ist möglich: Was schmeckt dir wirklich?
- Julia May

- 4. Juni 2024
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Feb.
Vom Wissen zum Handeln ist der Schritt, den wir alle gehen möchten. Veränderung ist möglich, wenn wir Essen anders denken: Ohne Zwang, weil wir es wirklich wollen.

Für die meisten von uns ist der wichtigste Grund für eine Ernährungsumstellung unsere Gesundheit und die Vermeidung von Übergewicht.
Schon 1998 hat Allen Carr ein ungewöhnliches und leicht polemisches Buch zum Thema Abnehmen geschrieben „Endlich Wunschgewicht“(1)
Er selber hatte es geschafft, ohne Diät abzunehmen, und zwar durch die bewusste Veränderung seiner Einstellung zum Essen.
Carr stellte sich zentral die Frage, warum so viele von uns Junk Food lieben, obwohl wir wissen, dass es uns schadet.
Seine These war, dass wir unser wirkliches Lieblingsessen wiederfinden müssten, um uns gesund zu ernähren. Dann würden wir sozuagen automatisch auch abnehmen. Dieses für uns leckerste Essen kann - so Carrs These - niemals industriell verarbeitet sein, sondern ist per se naturbelassen. Und es ist zum größten Teil pflanzliche Nahrung.
Carr begann sein Buch im Tierreich mit der Beobachtung, dass wilde Tiere kaum übergewichtig sind. Sie essen, wenn es ihnen möglich ist, immer dann, wenn sie Hunger haben und nur bis sie satt sind. Weiter sagte er, dass wilde Tiere bestimmte Nahrungsgruppen essen, andere aber nicht anrühren und spekulierte nach dem Grund. Er vermutete, dass die für Tiere artspezifische Nahrung nicht nur „gesund“ ist, sondern gleichzeitig die Nahrung sein muss, die der Art jeweils am besten schmeckt. Warum? Laut Carr meiden Wildtiere in der Regel Nahrungsmittel, die sie nicht unmittelbar krank machen, die ihnen aber langfristig eher schaden würden.
Über den Umweg durch das Tierreich kam er zu seiner eigentlichen Frage:
Warum finden wir - im Gegensatz zu wildlebenden Tieren - so oft sehr ungesunde Nahrung so lecker?
Er fragte sich, warum so viele Menschen übergewichtig sind, und oft krank, obwohl sie doch in der Regel die Lebensmittel zu sich nehmen, die ihnen - wie sie glauben - am besten schmecken. Schließlich, so Carr, sind Menschen ja auch Säugetiere. Er erklärte es sich letztlich so:
Wir Zivilisationsmenschen leben in der Illusion, dass all das, was wir hauptsächlich konsumieren uns auch wirklich schmeckt.
Er meinte, dass wir, z.B. durch Werbung oder durch unsere Erziehung, so sozialisiert sind, dass wir glauben, nur mit tierischen Proteinen unseren Bedarf an Proteinen decken zu können, und dass stark prozessierte Lebensmittel wie Hamburger, Pizza und Schokoriegel uns am besten schmecken. Carr nannte dies „Gehirnwäsche“.(2) Seine These war:
Wir Menschen wissen aufgrund unserer Sozialisation gar nicht mehr, welche Lebensmittel uns wirklich gut schmecken: Die pflanzlichen, naturbelassenen Lebensmittel.
Carr schrieb in seinem Buch auch über den Unterschied zwischen Appetit und Hunger.
Wir essen weiter, obwohl wir doch eigentlich satt sein müssten! Warum verwechseln wir so oft Appetit mit Hunger, und essen, wenn wir gar keine Energie benötigen.
Sein Ratschlag: Wir sollten nur dann essen, wenn wir echten Hunger haben: zwei bis drei mal am Tag. Und wir sollten hauptsächlich das essen – Carr sprach von 70% -, was uns wirklich am besten schmeckt, nämlich wenig verarbeitete pflanzliche Lebensmittel, Gemüse und Obst, keine raffinierten Fette und Kohlenhydrate. Dann würde der ständige Appetit langsam verschwinden und wir würden lernen, Hunger und Appetit wieder voneinander zu unterscheiden.
Interessant für mich war an der Lektüre, dass Carr, der sich 1998 nur auf wenige wissenschaftliche Studien stützen konnte, und dies auch bewusst nicht getan hat, aber in vielen Punkten Recht hatte.(3)
Ich fand beim Lesen auch meine eigenen Erfahren teilweise wieder.
Auch ich hatte früher ständig Appetit und konnte nicht aufhören zu snacken, und genau wie bei Carr hörte der Zwang, ständig etwas zu mir nehmen zu müssen, bei mir in dem Moment auf, als ich keine industriell verarbeiteten Lebensmittel mehr zu mir nahm.
Als Köchin in meinem Restaurant, damals ein ein-Personen Betrieb, verarbeitete ich bewusst nur unverarbeitete Rohstoffe. Ich hatte keine Zeit mehr, irgendwo anders zu essen. Pflanzliche Proteine aus Hülsenfrüchten und Omega-3-reiche Öle, gepaart mit Kohlenhydraten aus Brot und Gemüsen hielten mich satt. Sie gaben mir genug Energie, um täglich über 8 Stunden in der Küche und im Service zu arbeiten. Hinterher konnte ich auch noch den Laden aufräumen und putzen. Und das, ohne Heißhunger zu bekommen.
Um es seinen Klienten leicht zu machen, lies Carr sie langsam anfangen mit der Ernährungsumstellung - und zwar beim Frühstück.
Sie sollten zunächst zum Frühstück nur Obst essen. Er sagte „Sie werden sehen, nach einer Weile werden Sie Eier und Speck zum Frühstück nicht mehr essen wollen, Sie werden finden, dass Obst das leckerste und beste Frühstück ist, dass sie sich vorstellen können.“
Durch diese Idee reduzierten seine Klienten zuächst eine schwere Mahlzeit am Tag. Aber auch den Heißhunger-Kreislauf, der durch den schnellen Anstieg und Abfall des Blutzuckerspiegels schon am Morgen entsteht - konnten sie durchbrechen - wenn sie dazu auf den süßen Frühstückssaft und auf Zucker und Milch im Kaffee verzichteten. Sie konnten es schaffen, weniger zu essen und entschleunigt auch mal andere Lebensmittel auszuprobieren als gewohnt: Pflanzliche Lebensmittel, die nicht industriell verarbeitet waren.
Heute wird empfohlen nicht mehr als 1-2 Portionen Obst pro Tag zu essen, denn auch Obst hat Zucker. Und richtig satt werden von einem reinen Obst-Frühstück nur wenige von uns, denn es fehlen die Proteine und Fette in der Mahlzeit. Deshalb würde ich den Obstsalat mit Nüssen und 1 EL Leinöl ergänzen, und mit Haferflocken - wie in Hanna's Müsli.
Veränderung ist möglich, wenn wir lernen anders zu deken.
Carr war dies bewusst. Durch seine Überlegungen zum „leckersten Essen“ hatte er zunächst sein eigenes Bewusstsein und später das Bewusstsein seiner Patienten dahingehend geöffnet, ihre Einstellung zum Essen anders zu denken. Die Veränderung der persönlichen Haltung ist ein entscheidender Faktor für Menschen, die etwas verändern wollen.
Und deshalb glaube ich, dass auch die Ernährungswende möglich ist, bei uns zu Hause und auch global.
Wie war das mit dem Rauchen?
Noch Anfang der 2000er Jahre wurde überall geraucht: Sogar in Schulen gabe es Raucherlehrerzimmer und Raucherecken auf den Schulhöfen. Als 2007 das Rauchverbot in Innenräumen eingeführt wurde,(4) kam es vielen von uns übertrieben und unmöglich vor. Dennoch ist es heute allgemein akzeptiert, dass Rauchen schädlich ist. Die meisten Menschen, selbst viele Raucher (!), genießen es, dass an ihrem Arbeitsplatz und in Restaurants nicht mehr geraucht wird.
Als ich vor kurzem eine Freundin besuchte, erzählte ihr 16jähriger Sohn, dass er während seines Betriebspraktikums zum ersten Mal in seinem Leben in einem Innenraum gewesen sei, in dem geraucht wurde: Er fand es sehr merkwürdig und komisch. Er sagte, es habe sich für ihn so unpassend angefühlt wie die Idee, in einem Innenraum einen Fallschirmsprung zu versuchen.
In nur wenigen Jahren hat sich also die Wahrnehmung zum Rauchen in unserer Gesellschaft komplett verändert.
Und deshalb glaube ich, dass sich auch unsere Einstellung zu industriell verarbeiteten Lebensmitteln genau so verändern wird.
Heute ist es schwer denkbar, doch wenn man in Büchern und in den Medien Beiträge über wissenschaftlichen Studien zu den Auswirkungen unserer Fast-Food Kultur auf unsere Gesundheit und die Gesundheit unseres Planeten liest, hört und sieht, dann liegen diese Veränderungen gar nicht mehr so fern.
Ich glaube, in Zukunft werden aufgrund der großen negativen gesundheitlichen, klimatischen und finanziellen Folgen für unsere Gesellschaften industriell stark verarbeitete Nahrung, Lebensmittel wie Fleisch oder Zucker und industriell verarbeitete Milchprodukte als Genussmittel deklariert werden, genau wie heute Alkohol, Cannabis und Tabak.
Was spricht dagegen diese Lebensmittel schon jetzt einzuschränken - oder sie sogar aufzugeben? Es auszuprobieren ist gut für deine Gesundheit. Und abgesehen davon wirst du merken, dass Kochen entspannt und Spaß macht. Es geht nicht darum sich unter Druck zu setzen, um "etwas tolles auf den Tisch zu bekommen", sondern auszuprobieren, was dir persönlich wirklich am Besten schmeckt: Dein leckerstes Essen.
Alles, was wir selber zubereitet haben, ist besser als ein Fertigprodukt!
Quellen
1 vgl. Carr, Allen: Endlich Wunschgewicht!: Der einfache Weg, mit Gewichtsproblemen Schluss zu machen (2013), Goldmann Verlag
2 Lesenswert und informativ zu dieser These ist das Buch von Michael Moss. vgl. Moss, Michael: Das Salz-Zucker-Fett-Komplott: Wie die Lebensmittelkonzerne uns süchtig machen (2014), Ludwig Verlag
3 Dies kann man z.B. bei Bast Kast nachlesen, der ausführlich zu dem Thema recherchiert hat. vgl. Kast, Bas: Der Ernährungskompass (2018), Bertelsmann Verlag
4 Bundesnichtraucherschutzgesetz (Bundesministerium für Gesundheit) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/b/bundesnichtraucherschutzgesetz.html



