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„Ein echter Mann braucht Fleisch“ - über Ernährungsmythen

  • Autorenbild: Julia May
    Julia May
  • 1. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 31. Dez. 2025

„Ein echter Mann braucht Fleisch“ - In Ernährungsmythen oder -narrativen werden bestimmten Lebensmitteln Eigenschaften zugeschrieben, ohne dass diese wissenschaftlich belegt sind.

Ernährungsmythen

Ein Beispiel „Zitrusfrüchte und Obst haben mehr Vitamin C als Gemüse“. Tatsächlich ist es umgekehrt, Spitzenreiter in Sachen Vitamin C ist das Kohlgemüse. Es enthält im Schnitt etwa die doppelte Menge an Vitamin C wie Orangen oder Zitronen.


Es existieren eine Vielzahl solcher Mythen und es lohnt sich, diese mit Hilfe von vertrauenswürdigen Quellen wie z.B. den Internetauftritten der Krankenkassen (1) oder der DGE (2) zu überprüfen. Einige Erzählungen stellen sich so als schlichte Missverständnisse heraus, andere scheinen gezielt zu Marketingzwecken erfunden worden zu sein.


Was mich zunächst überrascht hat: Sogar bei der Bundeszentrale für politische Bildung wird man zum Thema Ernährungsmythen fündig.


Der Beitrag „Fleischkonsum und Männlichkeit“ (3) beschäftigt sich mit dem Mythos „Ein echter Mann braucht Fleisch".


Wir alle kennen den Spruch und schmunzeln vielleicht darüber. Begründet wird der höhere Fleischbedarf damit, dass Männer im Durchschnitt „stärker“ sind, also mehr Energie verbrauchen als Frauen. Diese Energie werde am besten durch Fleischkonsum bereitgestellt.


Aber wenn wir die vielen unterschiedlichen Jobs und Energiebedürfnisse von Menschen betrachten, entlarvt er sich als bloße Floskel.

Trotzdem ist seine Wirksamkeit gar nicht zum Lachen für unsere Gesellschaft.


Eine negative Folge ist der tatsächlich deutlich höhere Fleischkonsum von Männern.


Im Durchschnitt konsumieren sie doppelt so viel Fleisch wie Frauen und mehr als dreimal so viel wie von der DGE empfohlen (4) – mit den bekannten gesundheitlichen Folgen und den Folgekosten für das Gesundheitssystem.


Doch die Verknüpfung "Fleischessen = Männlichkeit = Kraft und Stärke" hat nicht nur gesundheitliche Konsequenzen für Männer. Sie unterstreicht die Position des Mannes als vermeintlich starkes Geschlecht. Denn Fleisch kann nur gegessen werden, wenn ein Tier getötet wird - und das ist "Männersache". Wie es dazu kam...


Die Vorstellung des Tötens eines Tieres ruft in uns archaische Bilder hervor. Aus der Schule ist bei mir der Mythos vom starken Mann, dem Jäger und der schwachen Frau, der Sammlerin und Hüterin des Feuers hängengeblieben. Und irgendwie hatten für mich die Jäger einen höheren Status als die Sammlerinnen, denn Jagd bedeutete für mich "Abenteuer" und "Anführen dürfen". Jäger waren außerdem auch Krieger und erst mit der Jagd und dem Fleischessen ging die Entwicklung der Menschheit so richtig los. So wurde die Tätigkeit der Jagd und auch Fleischkonsum „ein natürliches Symbol der Macht“ und „symbolisiert [...] die Herrschaft des Menschen über die Natur und die patriarchale Herrschaft des Mannes über die Frau“(3).

Diese Erzählung suggeriert so die Abhängigkeit der Frau vom Mann dem Versorger. Sie schließt Frauen aus einer gleichberechtigten unabhängigen Rolle in der Gesellschaft aus, obwohl wir heute wissen, dass auch Frauen Jägerinnen und Kriegerinnen waren.(6)


Aber haben solche Geschichten heute wirklich noch so einen starken Einfluss? Schließlich sind wir uns doch eigentlich einig, dass alle Menschen gleichberechtigt miteinander leben, und dass jede Person ganz eigene Stärken und Schwächen hat - unabhängig vom Geschlecht.


Leider ist die Symbolik stark und beeinflusst unser Denken und Handeln, auch wenn wir dies gar nicht wollen.


Es gibt so viele Momente in unserem Leben in denen wir mit Rollenbildern konfrontiert werden, die uns suggerieren, dass das, was wir uns für unser Leben wünschen, nicht zu uns passt: Sei es wegen unseres Geschlechts, unserer Herkunft, unserer Familie, oder Schulerfolgs... Ich glaube uns allen fallen Geschichten ein, in denen wir uns selbst von Mythen haben beeinflussen lassen und nicht das für uns gewählt haben, was wir eigentlich wollten und richtig fanden - weil "es irgendwie nicht passte" oder "wir uns nicht getraut haben".


Ein zentraler Mythos der unbewusst unsere Entscheidungen mitbeeinflusst, ist die Rollenzuschreibung von Männern als Versorger, Macher und Entscheider. Dies ist auch für Männer nicht so angenehm, denn zu dieser Rolle gehören Glaubensätze wie "Gefühle zeigen ist nicht ok", "Gewalt ist manchmal nötig" oder "Die Verantwortung liegt immer bei mir, und wenn ich sie abgebe oder teile, wird "es" böse enden..." Durch Mythen wie diese wird das Recht von Männern, Frauen und queeren Menschen auf die Freiheit, selber über ihren Lebensentwurf zu entscheiden, in Frage gestellt.


Andere Lebensentwürfe wie die von Partnerschaften, in denen beide Partner*innen arbeiten und sich die Care-Arbeit teilen, von Männern, die den Haushalt führen, von Menschen, die als Single leben, von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften usw. passen nicht in dieses Weltbild und werden unterdrückt.


Dementsprechend wird die Phrase „Ein echter Mann braucht Fleisch“ auch von Organisationen, Unternehmen und Medien verbreitet, die gleichzeitig diskriminierende Rollenbilder stützen. Werbung, in denen Frauen in Bikinis Grillwürsten gleichgestellt werden, oder direkt geschmacklich mit einem Steak verglichen werden sind Ausdruck dieser abwertenden Rollenklischees (5).


Dieses Gesellschaftsbild gelangt durch Sprücheklopfen auch in der Politik, durch Werbung und die sozialen Medien in unsere Köpfe.


Auch dadurch, dass wir es nicht aktiv hinterfragen, sondern es vielleicht belächeln und als unwichtig abtun, pflanzt es sich fort.


Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung anders lebt, besteht die Gefahr, dass sich so die Einstellung darüber, welche Verhalten für Frauen und Männer „richtig“ sind zugunsten längst überwunden geglaubter Ansichten verschiebt.


Deshalb ist der Ernährungsmythos „Ein echter Mann braucht Fleisch“ nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.


Oft fallen Sprüche wie "Ein echter Mann braucht Fleisch" in Situationen, in denen es um Gesundheit oder das Tierwohl geht. In denen die Alternative zu sagen: "Ich esse eben gerne Fleisch, weil es mir gut schmeckt" zwar ehrlich ist (positiv), gleichzeitig aber auch Schwäche sugeriert (negativ, nicht männlich), denn der Fleischesser kann sich nicht beherrschen - auf Kosten seiner eigenen Gesundheit, des Klimas, des Tierwohls. Das Argument "Ein echter Mann braucht Fleisch" ist ein sogenanntes "Totschlag-Argument", dass echte Diskussionen schon im Vorfeld beendet.


So können sich Mythen halten, die sich wissenschaftlich nicht begründen lassen und die uns und der Gesellschaft schaden. Denn wenn solche Argumente fallen, wechseln wir meist das Thema - oder wir reden gegeneinander an ohne uns zuzuhören, statt uns wertschätzend und gleichberechtigt über unsere persönlichen Bedürfnisse auszutauschen und nach der besten Lösung für alle Beteiligten zu suchen.



Quellen:


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